Archive for the ‘Literatur’ Category

Unverhofft kommt oft!

Montag, Juli 19th, 2010

Patricia Ryan Madson ist uns seit ihrem Auftritt bei google nicht mehr unbekannt. Ihr wundervolles kleines Alltags-Impro Buch “Impro Wisdom” ist nunmehr auch auf deutsch erschienen.  13 Strategien warten darin, auf den Alltag losgelassen zu werden.

Dabei ist besonders hervorzuheben, dass so schwierig zu beschreibende Impro-Begriffe wie “Akzeptieren” sehr schön pragmatisch umschrieben wurden (”Blicken Sie den Tatsachen ins Auge!”). Unter den glorreichen 13 finden sich natürlich auch “Sagen Sie ja”, “Nicht vorbereiten”, “Seien Sie durchschnittlich” und “Machen Sie bitte Fehler”. Besonders schön ist der ergänzte neunte Grundsatz : “Werden Sie sich ihrer Gaben bewusst.” Jeder hat was zu geben.

Die Philosophie der Improvisation

Freitag, Juli 16th, 2010

Wer sich tiefer gehend mit Improvisation beschäftigen möchte, dem sei “The Philosophy of Improvisation” wärmstens empfohlen. Professor Gary Peters von der York St. John University seziert darin die Improvisation als Element in den Werken von Kant, Nietzsche, Adorno, Heidegger, Derrida, Deleuze und vielen anderen Philosophen und Improvisationskünstlern wie z.B. Keith Johnstone. Wie sehen diese großen Geister das Wesen der Improvisation? Schafft Improvisation Kunst? Braucht Sie dazu Kunst?

Wie auch immer die Kunst-Frage zu klären ist, Peters lässt LaDonna Smith mit einem wunderbaren Zitat zu Worte kommen, was Improvisation leisten kann und auch sollte: “The act of engaging in free-improvisation will become a liberator, and emancipator, for many people to touch into their emotional lives in a non-verbal and non-judgmental way. We must introduce this healthy way of life.” Ja, bei Improvisation geht es um Freiheit. Es geht um negative Freiheit als gemeinschaftliches Ideal. Improvisation schützt das Gemeinschaftliche, indem es Interaktionsräume schafft, in denen nicht in Bereiche der anderen eingedrungen wird, sondern diese akzeptiert werden. Dabei erzeugt sie im Einzelnen spontane, originelle, ja geniale mentale Energien. Aber auch Wettbewerb spielt in der Improvisation eine nicht zu unterschätzende Rollte. Am Ende steht jedoch eine Freiheit, erreicht duch ästhetische Schönheit, wie Kant oder Schiller sie herbei gesehnt haben. Ein hoffnungsvolles Buch “for a healthy living on impro.”

Es ist ein Drama…

Donnerstag, Dezember 17th, 2009

Was soll ich sagen: Je tiefer wir uns mit der Improvisation beschäftigen, umso mehr dringen wir in spirituelle Bereiche vor. Nicht nur Stephen Nachmanovitch sieht in der Improvisation ein spirituelles Erlebnis, auch Patricia Ryan Madson macht aus den Parallelen zum Zen Buddhismus keinen Hehl.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich auch ein britischer Priester der Church of England dem Thema Improvisation angenommen hat. Samuel Wells sieht im Improvisationstheater ur-christliche Werte wiedergespiegelt. “Den anderen gut aussehen lassen” bis hin zu “Angebote machen” - sobald man sich die Begrifflichkeiten im Improvisationstheater einmal vor diesem Hintergrund auf der Zunge zergehen lässt, werden die Parallelen überdeutlich. Wells führt seine Gedanken zunächst von ethischen Fragen ausgehend hin zur Improvisation, die als dramatische Form das erzählende Element christlicher Theologie darstellt - zumindest wenn wir Wells folgen.

Darauf aufbauend bringt er zentrale Konzepte wie “Status”, “Annehmen und Blockieren”, “Geben und Geschenke” als Merkmale der Improvisation wie auch des christlichen Glaubens. Dabei sieht er in der Improvisation gleichzeitig die einmalige Gelegenheit, christliche Werte und narrative Überlieferungen aus der Bibel mit neuem Leben zu füllen. Eine sehr spannende Sicht auf das Wesen der Improvisation - über philosophische Fragen hinaus in die religiöse und spirituelle Sphäre hinein. Ein anregendes Buch, dass uns mit unserer kulturellen Herkunft konfrontiert.