Es ist ein Drama…
Was soll ich sagen: Je tiefer wir uns mit der Improvisation beschäftigen, umso mehr dringen wir in spirituelle Bereiche vor. Nicht nur Stephen Nachmanovitch sieht in der Improvisation ein spirituelles Erlebnis, auch Patricia Ryan Madson macht aus den Parallelen zum Zen Buddhismus keinen Hehl.
Umso erstaunlicher ist es, dass sich auch ein britischer Priester der Church of England dem Thema Improvisation angenommen hat. Samuel Wells sieht im Improvisationstheater ur-christliche Werte wiedergespiegelt. “Den anderen gut aussehen lassen” bis hin zu “Angebote machen” - sobald man sich die Begrifflichkeiten im Improvisationstheater einmal vor diesem Hintergrund auf der Zunge zergehen lässt, werden die Parallelen überdeutlich. Wells führt seine Gedanken zunächst von ethischen Fragen ausgehend hin zur Improvisation, die als dramatische Form das erzählende Element christlicher Theologie darstellt - zumindest wenn wir Wells folgen.
Darauf aufbauend bringt er zentrale Konzepte wie “Status”, “Annehmen und Blockieren”, “Geben und Geschenke” als Merkmale der Improvisation wie auch des christlichen Glaubens. Dabei sieht er in der Improvisation gleichzeitig die einmalige Gelegenheit, christliche Werte und narrative Überlieferungen aus der Bibel mit neuem Leben zu füllen. Eine sehr spannende Sicht auf das Wesen der Improvisation - über philosophische Fragen hinaus in die religiöse und spirituelle Sphäre hinein. Ein anregendes Buch, dass uns mit unserer kulturellen Herkunft konfrontiert.